03.03.20
Em. o. Univ.-Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Wilhelm von der Emde (1922–2020)
Mit dem Tod von Prof. Wilhelm von der Emde verlieren wir eine Persönlichkeit, die viele Menschen und viele Entwicklungen geprägt hat. Wilhelm von der Emde wurde im Jahre 1922 als jüngstes Kind einer kinderreichen Familie in Kassel geboren. Er wuchs dort in einem Bäckereibetrieb also einem Familienunternehmen in einer turbulenten Zeit der Geschichte auf. Am 19. Februar 2020, also in seinem 98. Lebensjahr ist er nach einem wechselvollen, aber auch sehr erfolgreichen Leben von uns gegangen. Die Trauer über diesen Verlust wird für die Fachwelt und insbesondere für seine Schüler und Nachfolger leichter erträglich werden, weil Wilhelm von der Emde sowohl als Mensch als auch als Fachmann viele bleibende Spuren hinterlassen hat, die mit seinem Tod nicht verloren gehen werden. Sein Wirken und seine Werke leben und entwickeln sich weiter.

Im 2. Weltkrieg als Soldat eingezogen wird er dort schwer verletzt und kann noch während des Krieges sein 1940 begonnenes Bauingenieurstudium an der Technischen Hochschule Hannover weiterführen und 1948 abschließen. Spezialisiert im Bereich Stahlbau fand er dann seine erste Anstellung im Ingenieurbüro Dr.-Ing. Dietrich Kehr in Hannover. Nach Berufung von Dr.-Ing Kehr an die Technische Hochschule Hannover wurde er dann Assistent und Oberassistent an dessen Institut für Siedlungswasserwirtschaft. Dort entwickelte Wilhelm von der Emde seine Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der biologischen Abwasserreinigung, die zu seiner Dissertation „Beitrag zu Versuchen zur Abwasserreinigung mit belebtem Schlamm“ führte. Sie wurde mit dem prestigeträchtigen Dr. Karl Imhoff Preis ausgezeichnet. Das Preisgeld verwendete Wilhelm von der Emde für eine Studienreise nach England, dem Geburtsland der biologischen Abwasserreinigung. Es folgten ebensolche Reisen in die USA.

Mit diesem fachlichen Hintergrund begann seine Karriere in der Praxis der Stadtentwässerung Hamburg. Dort war er maßgeblich für die Planung der Großkläranlage Köhlbrandhöft verantwortlich. Dies führte auch zu seinen ersten Kontakten mit der für das Abwasser verantwortlichen Magistratsabteilung der Stadt Wien. Neben seiner Tätigkeit bei der Stadt Hamburg unterrichtete Wilhelm von der Emde in Delft beim European Course in Sanitary Engineering. Dort, so hat Wilhelm von der Emde mehrfach erzählt, erreichte ihn 1964 die Nachricht von seiner Berufung an die TU Wien für das Fachgebiet „Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz“, der er schließlich folgte. 

Für uns junge Studenten des Bauingenieurwesens im Jahre 1964 wurde damit ein Fachgebiet neu geschaffen, das  Verfahrenstechnik mit Chemie und Biologie für den Schutz unseres wichtigsten Lebensmittels und der natürlichen Biozönosen verband, das waren ganz neue Inhalte. Die Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben des Wasserrechtsgesetzes 1959 war schon in Ansätzen im Gange, aber die flächendeckende Umsetzung der Maßnahmen zur Abwasserreinigung und dem Gewässerschutz in ganz Österreich in den nächsten Jahrzehnten war damals noch nicht abzusehen. Diese sehr erfolgreiche Entwicklung in Österreich und ganz Europa hat Wilhelm von der Emde nachhaltig geprägt und seine Leistungen tun dies noch heute. Das neu gegründete Institut mit fundamental interdisziplinärer Lehre und Forschung. (Mikrobiologie, Hygiene, Chemie) wurde eine der Keimzellen neuer Fachgebiete in Forschung und Lehre wie Abfallwirtschaft, Ressourcenmanagement und schließlich des 2019 installierten Studienganges Umweltingenieurwesen an der TU Wien. 

Wilhelm von der Emde hat sofort erkannt, dass die Umsetzung der gesetzlichen Maßnahmen in die Praxis nicht nur eine enge Verbindung mit Forschung und Lehre an den Universitäten erfordert sondern auch den Aufbau eines umfangreichen Aus- und Fortbildungsangebotes für Planer, Fachbeamte und Betreiber von Kläranlagen, was in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Wasserwirtschaftsverbandes bis heute sehr erfolgreich weiterentwickelt wird. Damals war es Pionierarbeit. Das gilt auch für den Erfahrungsaustausch der Betreiber von Kläranlagen und Kanalsystemen auf nationaler und internationaler Ebene.

Das umfangreiche Netzwerk von Wilhelm von der Emde im deutschen Sprachraum, aber auch in Großbritannien, den USA, Frankreich, der Schweiz aber auch Tschechien und Ungarn erwies sich als sehr erfolgreich. Wilhelm von der Emde war einer der Initiatoren für die Gründung der International Water Association im Jahre 1965 mit heute ca. 10.000 Mitgliedern weltweit sowie einer speziellen Fachgruppe für Planung, Bau und Betrieb von Großen Kläranlagen, deren 13. Fachkonferenz (seit 1971) im heurigen Mai an der TU Wien stattfinden wird. Wilhelm von der Emde hat schon vor der politischen Wende die Idee umgesetzt, diese internationale Konferenz abwechselnd in Budapest, Prag und Wien abzuhalten. Damit wurde eine auch internationale Vernetzung des Institutes nicht nur auf universitärer Ebene begründet, die immer noch floriert.

Wilhelm von der Emde hatte eine sehr strenge Auffassung von Wissenschaftlichkeit, das haben seine Mitarbeiter am Institut manchmal auch schmerzlich erfahren, aber damit verbunden war ein hervorragender Lerneffekt. Seine persönliche Vorliebe in der Forschung lag wohl in der Reinigung von kommunalen und industriellen Abwässern mit dem Belebungsverfahren. Dort hat er international hohe Anerkennung erfahren. Er hat aber nie die großen Zusammenhänge zwischen Planung, Bau und Betrieb der Kläranlagen und dem Ziel des Gewässerschutzes aus den Augen verloren. Seine umfangreiche Publikationsliste, die vielen wissenschaftlich-technischen Berichte und die Themen seiner Dissertanten legen davon Zeugnis ab. Ganz besondere Bedeutung hat sein Beitrag zur Erstellung und Weiterentwicklung des weltweit angewendeten Regelwerks zur Bemessung von Belebungsanlagen (DWA Regelblatt A 131).

Die meisten großen Kläranlagen in Österreich und auch etliche weltweit zeigen seine „Handschrift“. Ganz besonders gilt dies für die Kläranlagen von Wien, zuerst die Kläranlage Blumental und heute die Hauptkläranlage in Simmering, eine der ganz großen Kläranlagen weltweit, deren Entwicklung vom Beginn der Planung in den späten 1960er Jahren bis heute maßgeblich und teilweise bis ins Detail von ihm mitgestaltet worden ist. Er war ein hervorragender planender Ingenieur, der mit geradezu unvorstellbarer Geduld darum gerungen hat, den Bau und Betrieb so einfach, preiswert und betriebssicher wie möglich zu machen. Das war für alle seine Schüler ein relevanter Teil des Lernens und sehr wichtig für viele Projekte in der Praxis.

Bis zu seinem Tod hat Wilhelm von der Emde das Interesse an seinem Fachgebiet wachgehalten. Immer wieder hat er Daten angefordert, die er dann analysiert und daraus Schlüsse gezogen hat. Er hat auch noch im hohen Alter einschlägige Fachveranstaltungen an der TU und in ganz Österreich besucht, wo er mit seinen Schülern, Fachkollegen und den Klärwärtern den Kontakt gehalten hat. Er hat schon am Beginn seiner Karriere erkannt, dass für die Wirkung in der Praxis die enge Zusammenarbeit mit den Fachverbänden, insbesondere mit ÖWAV und DWA einen Schlüssel zum Erfolg der Umsetzung gesetzlicher Vorgaben in die Praxis ist. Er hat mit seiner Persönlichkeit auch viel dazu beigetragen eine Atmosphäre zu schaffen, die der Lösung des gedeihlichen Zusammenlebens von Menschen in einer intakten Natur förderlich ist. Es liegt an uns, seine Leistungen, Werke und Ideen weiterzuentwickeln: eingedenk einer Persönlichkeit, der wir zu tiefem Dank verpflichtet sind und der wir hohe Anerkennung zollen wollen. 

Verfasst von Em. Univ.-Prof. Dr. Helmut Kroiß

Der ÖWAV trauert mit den Hinterbliebenen und wird Prof. Wilhelm von der Emde stets ein ehrendes Angedenken bewahren.

(Foto: Wikimedia/Dipl.-Ing. Gerhard Spatzierer)

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