21.07.26

Boden im Spannungsfeld

Am 8. Juli veranstaltete der ÖWAV gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) das Fachseminar „Boden im Spannungsfeld – Bedarf, Verbrauch, Verfügbarkeit“. Im Mittelpunkt standen die zunehmenden Nutzungskonflikte rund um die begrenzte Ressource Boden sowie die Frage, wie sich die Anforderungen von Wohnen, Wirtschaft, Landwirtschaft, Energiewende, Renaturierung und Hochwasserschutz künftig besser miteinander vereinbaren lassen.

Vertreter aus Wissenschaft, Verwaltung, Raumplanung und Praxis diskutierten aktuelle Entwicklungen sowie Lösungsansätze für einen nachhaltigen Umgang mit Flächenressourcen.

Boden als Schlüsselressource

Boden erfüllt zahlreiche zentrale Funktionen für Gesellschaft und Umwelt: Er sichert die Nahrungsmittelproduktion, reguliert den Wasserhaushalt, speichert Kohlenstoff, bietet Lebensraum für eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt und bildet die Grundlage für Infrastruktur und Energieversorgung. Gleichzeitig steigt der Druck auf verfügbare Flächen stetig. Neben dem Bedarf für Siedlungsentwicklung, Verkehr und Wirtschaftsstandorte werden auch für Renaturierung, Hochwasserschutz und den Ausbau erneuerbarer Energien zusätzliche Flächen benötigt.

Trotz langjähriger Bemühungen liegt der Bodenverbrauch in Österreich weiterhin auf hohem Niveau. Zwischen 2022 und 2025 wurden durchschnittlich rund 6,5 Hektar pro Tag neu in Anspruch genommen. Damit verbunden ist eine fortschreitende Bodenversiegelung, wodurch wichtige ökologische Funktionen dauerhaft verloren gehen. Um Nutzungskonflikte künftig zu minimieren, braucht es integrierte Planungsansätze und eine frühzeitige Abstimmung unterschiedlicher Flächenansprüche.

Flächen strategisch und gemeinsam planen

„Der Boden ist eine unserer zentralen Zukunftsressourcen“, betonte ÖWAV-Geschäftsführer Daniel Resch. „Die wachsenden Anforderungen aus Siedlungsentwicklung, Landwirtschaft, Hochwasserschutz, Renaturierung und Energiewende machen deutlich, dass Flächen künftig noch strategischer und effizienter genutzt werden müssen. Nachhaltige Lösungen werden nur gelingen, wenn Raumplanung, Wasserwirtschaft, Naturschutz, Energieplanung und Landwirtschaft gemeinsam gedacht werden.“

Bereits im Einführungsvortrag machte Univ.-Prof. Dr. Gernot Stöglehner vom Institut für Raumplanung, Umweltplanung und Bodenordnung der BOKU deutlich, dass Bodenschutz längst nicht mehr ausschließlich eine Aufgabe der Raumordnung ist.

„Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie viel Fläche wir verbauen können, sondern wie viel Boden wir künftig für Ernährungssicherheit, Biodiversität, Hochwasserschutz und die Energiewende benötigen. Boden ist endlich – deshalb müssen wir deutlich sparsamer mit ihm umgehen. Langfristig ist ein verbindliches Ziel von Netto-Null-Bodenverbrauch für die gesamte Flächeninanspruchnahme durch Siedlung und Verkehr erforderlich. Dafür braucht es auch eine verstärkte interkommunale Zusammenarbeit.“

Entsiegelung und Blau-Grüne Infrastruktur

Ein Schwerpunkt des Seminars war das Potenzial der Entsiegelung bereits verbauter Flächen. Im Forschungsprojekt „PotEnt – Potenziale zur Entsiegelung“ entwickelt die BOKU Grundlagen und Methoden, um versiegelte Flächen gezielt rückzubauen und verlorengegangene Bodenfunktionen wiederherzustellen.

Entsiegelte Flächen bieten zudem großes Potenzial für den Ausbau der Blau-Grünen Infrastruktur (BGI). Die Verbindung von Gewässern, Regenwassermanagement und Grünräumen trägt wesentlich zu einer klimaresilienten Stadtentwicklung bei: Sie reduziert Hitzeinseln, verbessert die Luftqualität, stärkt die Biodiversität und mindert das Risiko von Überflutungen.

Mehrfachnutzung von Flächen gewinnt an Bedeutung

Auch die Umsetzung der EU-Renaturierungsziele sowie zusätzliche Retentionsflächen für den Hochwasserschutz erhöhen den Flächenbedarf. Um Nutzungskonflikte zu entschärfen, gewinnen Konzepte der Flächenmehrfachnutzung zunehmend an Bedeutung. Insbesondere entlang von Gewässern lassen sich Renaturierung, Hochwasserschutz und ökologische Entwicklung miteinander verbinden. Durch die Reaktivierung von Überschwemmungsflächen entstehen multifunktionale Räume, die Hochwasserrisiken reduzieren, die Artenvielfalt fördern und gleichzeitig als Naherholungsgebiete dienen.

Auch der Ausbau erneuerbarer Energien erfordert zusätzliche Flächen. Zwar entfallen derzeit auf Freiflächen-Photovoltaik und Windkraft lediglich rund 0,2 Prozent der gesamten Flächeninanspruchnahme, dennoch wurde deutlich, dass eine strategische und sektorübergreifend abgestimmte Flächenplanung künftig unverzichtbar sein wird.

Ausgleichsflächen professionell managen

Ein weiterer Schwerpunkt war das Management von Ausgleichs- bzw. Kompensationsflächen. Diese dienen dazu, unvermeidbare Eingriffe in Natur und Landschaft – etwa durch Bau- oder Infrastrukturprojekte – durch ökologische Maßnahmen an anderer Stelle auszugleichen. Dabei wurde deutlich, dass neben der Bereitstellung geeigneter Flächen insbesondere deren langfristige Pflege und Entwicklung entscheidend für den Erfolg solcher Maßnahmen sind.

Als Praxisbeispiel stellte Niederösterreichs Umweltanwalt Thomas Hansmann die Flächenagentur Niederösterreich vor. Sie entwickelt Ausgleichsflächen professionell, sichert diese langfristig und stellt sie für unterschiedliche Projekte zur Verfügung. Durch die Bündelung von Flächen, naturschutzfachlicher Expertise und langfristiger Betreuung können Renaturierungs- und Kompensationsmaßnahmen effizienter umgesetzt werden.

Impulse für einen nachhaltigen Umgang mit Boden

Mit dem Seminar setzte der ÖWAV weitere Impulse für den interdisziplinären Dialog über den nachhaltigen Umgang mit Boden. Die hohe fachliche Beteiligung unterstrich die Bedeutung des Themas und zeigte, dass Bodenschutz zunehmend als Voraussetzung für Klimaschutz, Versorgungssicherheit, Biodiversität und eine resiliente Raumentwicklung verstanden wird.

„Das Seminar hat eindrucksvoll gezeigt, dass bereits zahlreiche innovative Instrumente und Konzepte zur Verfügung stehen – von der Entsiegelung über moderne Ausgleichsflächenmodelle bis hin zu neuen Formen der regionalen Zusammenarbeit. Nun gilt es, diese verstärkt in die Praxis zu bringen“, resümierte ÖWAV-Geschäftsführer Daniel Resch.


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